{"id":1182,"date":"2019-06-30T14:47:44","date_gmt":"2019-06-30T13:47:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seeber-lawconsult.at\/?p=1182"},"modified":"2019-08-01T15:10:06","modified_gmt":"2019-08-01T14:10:06","slug":"pippi-langstrumpf-vor-gericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.seeber-lawconsult.at\/?p=1182","title":{"rendered":"Pippi Langstrumpf vor Gericht."},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Medien in Deutschland und \u00d6sterreich berichten gerade \u00fcber einen absurden Gerichtsstreit \u00fcber das popul\u00e4re Titellied zur Kinderserie \u201ePippi Langstrumpf\u201c, die Ende der 1960er als schwedisch-deutsche Koproduktion entstand (siehe z.B. <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/pippi-langstrumpf-lied-verstoesst-wohl-gegen-urheberrecht-16255385.html \">hier<\/a>). Zum originalen Lied (Musik: Jan Johansson, Text: Astrid Lindgren) schrieb Wolfgang Franke 1969 einen deutschen Text, der aber keineswegs blo\u00df eine \u00dcbersetzung des originalen schwedischen Texts war, sondern eine v\u00f6llig eigenst\u00e4ndige Dichtung. Haupts\u00e4chlich war der Text an einige Motive aus dem Kinderbuch bzw. aus der Serie angelehnt. Kl\u00e4ger im nunmehrigen Verfahren sind die Rechtsnachfolger der Kinderbuchautorin Astrid Lindgren, die ihre Anspr\u00fcche aber nicht \u2013 wie man vielleicht erwarten k\u00f6nnte \u2013 aus Lindgrens schwedischen Liedertext ableiten, sondern aus der Buchvorlage. Noch liegt kein Urteil vor, laut Medienberichten habe der zust\u00e4ndige Richter aber durchblicken lassen, dass er der Klage stattgeben werde: Auch wenn der deutsche Text nicht direkt aus dem Buch zitiere (in welchem Fall die Lage ja eindeutig w\u00e4re), greife er aber in den \u201e<strong>Charakterschutz<\/strong>\u201c der Buchvorlage ein. Damit ist gemeint, dass sich der deutsche Text der Charakteristika der urheberrechtlich gesch\u00fctzten Hauptfigur Pippi Langstrumpf bediene, was unzul\u00e4ssig sei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was\ndie Lindgren-Erben begehren, ist eine Beteiligung an den Tantiemen. Fraglich\nist, ob diese heute \u00fcberhaupt noch wirtschaftlich von Bedeutung sind, da die\nErben (wenn \u00fcberhaupt) ja nur Anspruch auf einen untergeordneten Anteil h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anzumerken ist, da\u00df die deutsche und die d\u00e4nische Liedfassung sich grundlegend unterscheiden. Das Original ist ein Calypso bzw. Samba (der au\u00dferdem erst im Abspann der Serie zu h\u00f6ren ist), die deutsche Fassung ist eher einem Volks- und Kinderlied \u00e4hnlich und au\u00dferdem um eine Einleitung und einen Mittelteil (\u201eIch hab ein Pferd&#8230;\u201c) erg\u00e4nzt, die vom deutschen Komponisten Konrad Elfers stammt.*<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den Begriff des \u201eCharakterschutzes\u201c kennt weder das <a href=\"http:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/urhg\/index.html\">deutsche <\/a>noch das \u00f6sterreichische Urheberrechtsgesetz. Der Charakterschutz ist vielmehr ein Begriff aus der Rechtsprechung, die u.a. in Fragen eines TV-Sendeformats auch den Charakter von Figuren als grunds\u00e4tzlich schutzf\u00e4hig ansieht (u.a. Judikatur zu \u201eForsthaus Falkenau\u201c). Ob dieser Gedanke bei \u201ePippi Langstrumpf\u201c \u00fcberhaupt anzuwenden ist, ist aber zu bezweifeln: der Charakterschutz soll ja offenbar vor einem Plagiat sch\u00fctzen, z.B. soll niemand eine charakteristische Filmfigur f\u00fcr ein  Konkurrenzprodukt abkupfern d\u00fcrfen. Aber das ist hier auch gar nicht der Fall. Und selbst wenn hier die Frage des  Charakterschutzes relevant w\u00e4re, hat Wolfgang Franke seinen Text ja offenbar mit Zustimmung von Lindgren bzw. mit Genehmigung des Originalverlages geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis in die 1960-iger war es in Deutschland \u00fcblich, fremdsprachige Schlager mit neuem deutschem Text von heimischen Interpreten aufnehmen zu lassen (auch andere L\u00e4nder nahmen &#8222;importierte&#8220; Schlager in der Landessprache auf). Nicht nur Schlager, auch  Titellieder und Musikeinlagen in Filmen wurden auf deutsch neu eingespielt (\u201eProbier\u2019s mal mit Gem\u00fctlichkeit\u201c ersetzte \u201eThe Bare Necessities\u201c im <em>Dschungelbuch<\/em>). Dabei war praktisch nie eine \u00dcbersetzung des originalen Text, sondern regelm\u00e4\u00dfig eine am Stoff orientierte Nachdichtung zu h\u00f6ren. Ein Fall, da\u00df bei solchen Titeln jemals Anspr\u00fcche aus dem \u201eCharakterschutz\u201c abgeleitet worden w\u00e4ren, ist nicht bekannt. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ergeben sich noch weitere Fragen: Hat man sich die Vertr\u00e4ge angesehen? In den Produktionsunterlagen und bei den beteiligten Musikverlagen finden sich regelm\u00e4\u00dfig noch die wichtigsten Vertr\u00e4ge, und vielleicht geben diese Aufschluss \u00fcber die damals gewollte Regelung der Urheberrechte; auch im Vertrag \u00fcber die Verfilmungsrechte, der ja mit der Autorin oder dem Buchverlag abgeschlossen worden sein muss, k\u00f6nnten sich Hinweise finden, die zur L\u00f6sung der jetzigen Rechtsfrage n\u00fctzlich sind. (Dazu ist zu bemerken, da\u00df sich Produktions- und Verlagsvertr\u00e4ge zur damaligen Zeit auf einige wenige Seiten beschr\u00e4nkten und dabei aber alle wesentlichen Punkte regelten; dem gegen\u00fcber sind solche Vertr\u00e4ge heute \u00fcberlang und kommen selbst dann noch nicht ohne zus\u00e4tzliche \u201eAllgemeine Vertragsbedingungen\u201c etc. aus.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Letzte und wichtigste Fragen: Warum entdeckt man erst jetzt \u2013 50 Jahre nach Produktion und Erstausstrahlung der Serie \u2013 da\u00df die Autorin irgendwelche Anspr\u00fcche aus dem Liedtext haben k\u00f6nnte? Warum machte Astrid Lindgren solche Anspr\u00fcche nicht zeitlebens geltend? Und: sollte sie nach den GEMA-Verteilungsregeln als Autorin des Originaltextes nicht ohnehin an den Tantiemen aller nachfolgender Bearbeitungen beteiligt sein? Als Co-Autorin ist sie jedenfalls bei der GEMA angef\u00fchrt. Im Falle einer bereits bestehenden Beteiligung aber w\u00fcrden die Erben praktisch eine doppelte Beteiligung verlangen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was\nsich die Lindgren-Erben von diesem Rechtsstreit also erhoffen, bleibt vorl\u00e4ufig\nv\u00f6llig v\u00f6llig schleierhaft, und so ist der anh\u00e4ngige Prozess nicht nur ein\nStreit um Pippi Langstrumpfs Zopf, sondern auch um des Kaisers Bart.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">MS<br>Stand: Juni 2019.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>*Nachsatz &#8211; Um die Rechtsfragen noch ganz besonders interessant zu machen: etliche weitere fremdsprachige Fassungen des Titelliedes (franz\u00f6sisch, holl\u00e4ndisch, englisch, hebr\u00e4isch) bauen auf Konrad Elfers&#8216; deutscher Bearbeitung auf, wobei sich die Texte teils an Motive aus der Dichtung von Wolfgang Franke anlehnen. Die Vergleiche lassen sich &#8211; youtube macht&#8217;s m\u00f6glich &#8211; binnen kurzem anstellen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Medien in Deutschland und \u00d6sterreich berichten gerade \u00fcber einen absurden Gerichtsstreit \u00fcber das popul\u00e4re Titellied zur Kinderserie \u201ePippi Langstrumpf\u201c, die Ende der 1960er als schwedisch-deutsche Koproduktion entstand (siehe z.B. hier). Zum originalen Lied (Musik: Jan Johansson, Text: Astrid Lindgren) schrieb Wolfgang Franke 1969 einen deutschen Text, der aber keineswegs blo\u00df eine \u00dcbersetzung des originalen schwedischen Texts war, sondern eine &#8230; <a href=\"https:\/\/www.seeber-lawconsult.at\/?p=1182\" class=\"more-link\">Read More<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"rs_blank_template":"","rs_page_bg_color":"","slide_template_v7":"","footnotes":""},"categories":[2],"tags":[97,92,91,93,94,90,14,95,96],"class_list":["post-1182","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-informationen","tag-bearbeitung","tag-lied","tag-miturheber","tag-song","tag-songwriter","tag-tantiemen","tag-urheberrecht","tag-verjaehrung","tag-zustimmung","no-post-thumbnail"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seeber-lawconsult.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1182","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seeber-lawconsult.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seeber-lawconsult.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seeber-lawconsult.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seeber-lawconsult.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1182"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.seeber-lawconsult.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1182\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1192,"href":"https:\/\/www.seeber-lawconsult.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1182\/revisions\/1192"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seeber-lawconsult.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1182"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seeber-lawconsult.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1182"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seeber-lawconsult.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1182"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}